Zum Tod von Nagisa Oshima

Nagisa Oshima

Oshima ist gestern im Alter von 84 Jahren gestorben. Zwischen 1960 und 1990 war er der wichtigste Erneuerer des japanischen Kinos. In den letzten Jahrzehnten hat er sich krankheitsbedingt vom Filmemachen zurück gezogen. Das er in Europa entdeckt wurde, ist ein wesentlicher Verdienst des „Internationalen Forums“ der Berliner Filmfestspiele.

„Auf die Frage ‚Welchen Weg bist du gegangen? Würde ich antworten: ‚Den der Freiheit‘! Das sagte Nagisa Oshima 1965 in einem Interview. Damals war er dabei, das japanische Kino zu revolutionieren und damit international bekannt zu werden. Gnadenlos rührt er an die Tabus und blinden Stellen der japanischen Nachkriegsgesellschaft. In der es jede Menge zu vergessen und zu verdrängen galt: um das zu beschreiben, erfand Oshima einen völlig neuen filmischen Ausdruck. Lange Einstellungen korrespon-dieren mit harten Schnitten.

Seine Protagonisten irrlichtern durch eine lieblose Gesellschaft. In dem Moment, in dem sich die Menschen emotional näher kommen, führt das zur Katastrophe. Sie  sind gefangen in ihren Neurosen und gesellschaftlichen Konventionen. Hilflos. So wie das Paar in „Ai no korida/Im Reich der Sinne“, dem bekanntesten Film des Regisseurs.

Ein skandalträchtiger Film, an dessen Ende sie ihn auf Verlangen kastriert. Bei der europäischen Premiere im Rahmen der Berliner Filmfestspiele wurde der Staatsanwalt aktiv und ließ die Festival-Kopie des Film wegen des Verdachts auf Pornografie beschlagnamen.   Später wurde der Verdacht sowohl  vom Berliner Landgericht, als auch vom Bundesgerichtshof zurück gewiesen. Der einzige kommerzielle Erfolg eines Nagisa Oshima-Films in der Bundesrepublik.

1983 erregte er mit „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ noch einmal international Aufsehen: die Beschreibung einer homophil unterfütterten sado-masochistischen Beziehung zwischen einem englischen Offizier in japanischer Gefangenschaft und seinem Bewacher. Spektakulär wie die Handlung, die Besetzung mit David Bowie und Takeshi Kitano.

Mit Nagisa Oshima ist nicht allein ein Moralist und Tabubrecher, sondern einer nachhaltigsten Erneuerer der Filmkunst nach dem Zweiten Weltkrieg gestorben.

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