Hortenbachs Cannes Letter 12

Cannes 2010: Immerhin die Tasche ist schick...   Bild: Hortenbach

Cannes 2010: Immerhin die Tasche ist schick... Bild: Hortenbach

Die ersten Ermüdungserscheinungen machen sich bemerkbar. Heute wäre ich zum ersten mal fast in einem Film eingeschlafen, in Film Nr. 13 auf meiner Liste. Der nachgeschobene Film von Ken Loach „Route Irish“ handelt leider keineswegs vom ländlichen Irland, sondern von britischen Soldaten im Irakkrieg. Hätten die Männer im Film nicht gefühlte 732 mal „fucking“ gesagt, ich wäre tatsächlich eingenickt. Das passiert schon mal in den Kinosälen von Cannes. Irgendwo muss man ja seinen Schlafmangel ausgleichen, so viel Zeit zum Ausruhen ist nicht zwischen Partys, die gerne erst nach 23 Uhr beginnen und dem ersten Film des Tages, für den man sich um 8 Uhr in der Schlange anstellen sollte. Die fehlenden Filmstücke werden dann zwar anschließend mühelos im Kollegengespräch nachgeholt („Sag mal, hast du verstanden, warum plötzlich alle tot waren…?“), aber wer will schon einen wildfremden schnarchenden Kopf auf seiner Schulter haben, während auf der Leinwand Algerier ermordet werden? Auch sonst ist das tägliche Filmegucken nach 2 Wochen kein reines Vergnügen mehr. Der Abstand der Sitzreihen ist in den größten Sälen kleiner als im günstigsten Flugzeug.

Meine Kniescheiben freuen sich jetzt schon auf den Rückflug. Zeit, um Souvenirs zu kaufen. An der Croisette gibt es einen kleinen Laden mit praktischen Dingen, auf denen die goldene Palme abgebildet ist und Filmfestival Cannes steht. Dinge, die man als Journalist kein einziges mal gebraucht hat. Ein Strandtuch zum Beispiel für 45 Euro. Oder eine weitere Hochglanztasche in Blau für 30 Euro. Nicht kaufen, bei meiner ist der Lack schon ab! Das gilt fürs gesamte Filmfestival. Als ich heute endlich mal den German Pavillon besuchen wollte, war der schon zur Hälfte abgebaut. Naja, ist ja kein Deutscher mehr im Rennen. Gestern haben sie den Preisträger in der Kategorie „En certain regard“ gekürt – ein südkoreanischer Film hat gewonnen, mit dem schönen Titel „Hahaha“. Klingt nach leichter Unterhaltung, aber wer kann schon Koreanisch? Heißt wahrscheinlich TodTodTod.

Wenn das ein Zeichen ist, dann wird heute Abend „Poetry“ die goldene Palme nach Südkorea tragen. Die Oma, die Gedichte schreibt und erfährt, dass ihr Enkel ein Vergewaltiger ist. Ja, solche Geschichten sind in diesem Jahr in Cannes in. Elend wohin ich gucke. Mein einziges Vergnügen ist es momentan, die wichtigsten Filme zusammen zu fassen, das ist dann fast schon wieder lustig: Ein armer Vater, der Illegalen hilft und eine schizophrene Ehefrau hat, stirbt selbst an Krebs („Biutiful“). Oder: Ein koreanisches Hausmädchen wird erst vom Hausherrn zum Sex gezwungen, dann schwanger, von der Schwiegermutter von der Leiter geschupst, verliert ihr Kind, erhängt sich und fängt Feuer am Kronleuchter („The Housemaid“). Immer noch besser als tote Kinder, die als Affen mit roten Augen erscheinen, Einhörner inklusive („Uncle Boonmee who can recall his past lives“).

Ja, ich habe mir einiges zugemutet in den vergangenen Cannes-Tagen. Hätte ich mir auch fast sparen können, wie ich feststellen musste. Denn heute, am Tag der Palmenpreisverleihung kann ich mir alle Wettbewerbsfilme noch einmal ansehen. Dann müsste ich allerdings um 9 Uhr gleichzeitig in 4 Filmen sitzen und könnte mir die letzten erst nach der Preisvergabe ansehen. Aber hey – andere verschlafen ganze Filme. So werde ich es im nächsten Jahr machen – zwei Wochen Partys feiern und Sonnenbaden und am Schluss den Film-Marathon. Dann brauche ich aber noch dringend das Strandtuch für 45 Euro.

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