Cannes 2013 – Eröffnung mit "Der große Gatsby"

AFF_CANNES_22X30.inddDa kann Dieter Kosslick neidisch werden: Leonardo DiCaprio und Tobey Maguire auf dem Roten Teppich. Da stört es kaum, das die Eröffnung des „66. Festival de Cannes“ im Grunde nur die Preview zum Europa-Start von „Der große Gatsby“ gewesen ist. Es regnet und ein frischer Wind weht an der Cote d’Azur – wie im ver-gangenen Jahr. Hoffen wir, das der Himmel  im Laufe der nächsten Tage nicht mehr verhangen, sondern wirklich „azur“ erstrahlt. Obwohl Regenwetter ist Kinowetter. Und man fährt schließlich nicht des Wetters wegen nach Cannes… Jetzt aber zum Eröffnungsfilm:

DER GROSSE GATSBY/USA 2013
Regie: Baz Luhrmann
Mit Tobey Maguire, Carey Mulligan, Leonardo DiCaprio
Kinostart: 16. Mai 2012

Gatsby

 

Eine Welt im Umbruch. Eine verantwortungslose Gesellschaft kreist monomanisch um sich selbst. Dabei ist sie dem Untergang geweiht: Darum geht es in dem Roman „Der große Gatsby“, den F. Scott Fitzgerald 1925 veröffentlicht hat und der weitsichtig eine Ahnung von den Katastrophen beschrieben hat, die auf die Menschen in den nächsten Jahrzehnten zukommen sollten. Ein Buch heute so aktuell wie vor knapp 90 Jahren. Komplex und deshalb schwierig zu verfilmen.

Der letzten Verfilmung von 1974 mit Robert Redford in der Titelrolle blieb der Erfolg versagt, obwohl das Drehbuch Francis Ford Coppola geschrieben hatte. Mit einer neuen Adaption, die der australische Regisseur  Buz Luhrmann mit Leonardo DiCaprio als Gatsby inszenierte, werden heute Abend die „66. Filmfestspiele von Cannes“ eröffnet. Der in 3D gedrehte Film ist ab morgen auch in deutschen Kinos zu sehen. In den USA ist die neue „Gatsby“-Verfilmung der Überraschungserfolg der Saison. Bereits Starttag hat er über 3 Millionen Dollar Kasse gemacht.

 „Bedenke, wenn du an jemand etwas auszusetzen hast, dass die meisten Menschen es im Leben nicht so leicht gehabt haben wie du“. Diese Lebensweisheit hat sein Vater dem Banker und Nebenbeischriftsteller Nick Carraway mit auf den Lebensweg gegeben. Obwohl aus gutem Hause, mietet sich Nick am Stadtrand von New York in einem kleinen Häuschen ein. Das letzte Überbleibsel einer weniger prächtigen Vergangenheit.

In der ruhigen Gegend haben sich die Reichen und Superreichen in letzter Zeit ihre schloss-artigen Villen gebaut. In Sichtweite zu Nicks Behausung steht wie eine mittelalterliche Burg das Zuhause eines gewissen Gatsby, von dem man nichts Genaues weiß.

Wer ist dieser Gatsby, der rauschende Feste veranstaltet und dazu auch seinen Nachbar Nick einlädt; der sich wie ein Dandy kleidet und geheimnisvolle Telefonate führt? Nach und nach gelingt es Nick, in den Freundeskreis von Jay Gatsby aufgenommen zu werden.

Er ist jetzt öfter nebenan und lernt den lauten Lebemann Tom Buchanan und dessen Frau Daisy kennen… Die Buchanans wohnen direkt gegenüber von Gatsbys Schloss auf der anderen Seite der Bucht. Warum das so ist, kann eine weitere Hausfreundin erklären:

Daisy ist die Frau, die Jay Gatsby über alles liebt, die aber auf Grund unglücklicher Umstände in die Arme des Raubautz Buchanan getrieben wurde. Gatsby setzt seine ganze Macht und Reichtum ein, um Daisy zurück zu gewinnen. Buchanan gibt aber nicht her, was er einmal hat… Die Katastrophe ist unausweichlich!

In einem Beziehungsgeflecht aus Lüge, echter und falscher Liebe jenseits aller Verantwortung, hat Scott Fitzgerald seine eigenen bitteren Erfahrungen mit den amerikanischen Neureichen zu einer wütenden Abrechnung mit einer gesellschaftlichen Kaste am Rande des Abgrunds verdichtet.

Baz Luhrmann hält sich erstaunlich eng an die literarische Vorlage, bei einem Regie-Konzept, dass an die Dramaturgie aktueller Computerspiele erinnert. Da gibt es keinen Moment der Ruhe: Gatsby rast nicht nur mit seinem gelben Rolls durch die Gegend, auch die digitale Kamera ist ständig in Bewegung. Ein Höhepunkt verdrängt den nächsten: damit will der Regisseur wohl die Besinnungslosigkeit der Gesellschaft der 1920er Jahre sinnlich erfahrbar machen.

Der grellen Gesellschaft der Reichen stellt er ein New York gegenüber, das gerade – noch duster, aber ebenfalls atemlos – zur Metropole ausgebaut wird. Niemand will etwas versäumen bzw. das einmal Versäumte wieder zurück kaufen. Das misslingt. Die Reaktion der europäischen Filmkritik auf „Der große Gatsby“ war heute Morgen bei der Pressevorführung in Cannes reserviert bis ablehnend: es fragt sich natürlich, ob man wirklich alle Register ziehen muss, die die moderne Aufnahmetechnik und 3D erlauben oder sich doch besser bescheiden sollte.

Wenn  man aber Baz Luhrmanns Konzept als solches annimmt, dann ist das sicher ein Weg, um eine junge Generation mit Fitzgerald vertraut zu machen. In Amerika tragen die Jungen neuerdings Anzug, Krawatte und Hosenträger – so wie Leo DiCaprio in der „Große Gatsby“…

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